Keynote von Dr. Aline Zucco, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut, Hans-Böckler-Stiftung: Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf den Dienstleistungssektor

 

Dr. Aline Zucco stellte zu Beginn fest, dass ein Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der Covid-19-Pandemie zunächst in vielen Branchen, auch im Dienstleistungsbereich, durch das Kurzarbeitergeld abgewendet werden konnte. Allerdings wurden insbesondere im Gastgewerbe, das in Berlin eine vergleichsweise große Rolle spielt, viele Menschen erwerbslos.

 

Zucco betonte jedoch, dass die Beschäftigungsverhältnisse im Einzelhandel und dem Hotel- und Gaststättengewerbe auch jenseits der Pandemie prekär seien. Die Niedriglohnquote sei insbesondere in der Gastronomie in Berlin sehr hoch. Zudem arbeiteten gerade in diesem Bereich besonders viele Frauen als geringfügig Beschäftigte. Die Tarifbindung sei insgesamt sehr gering. Die ohnehin schon prekäre wirtschaftliche Situation verschärfe sich in der Krise weiter, wenn die Niedriglohn-Beschäftigten Kurzarbeitergeld erhielten. Als weiterer Ungleichheitsfaktor komme hinzu, dass in bestimmten Dienstleistungsbranchen wie Handel, Gastgewerbe und Gesundheits- und Sozialwesen seltener aufgestockt werde.

 

Geringfügig Beschäftigte im Dienstleistungssektor seien außerdem in Krisen besonders schlecht abgesichert. Sie verfügten über einen schlechteren Arbeitsschutz, bekämen kein Arbeitslosengeld, hätten keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld und der Kündigungsschutz würde häufiger umgangen.

 

Tatsächlich haben Minijobber*innen während der Pandemie sehr viel häufiger ihre Jobs verloren als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Zucco schlug fünf Maßnahmen zur Verbesserung der Situation vor:

 

1) Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro;

2) Einführung eines Mindestkurzarbeitergeldes in Höhe von 1200 Euro;

3) Ausbau der Tarifbindung;

4) Reformierung des Ehegattensplittings;

5) Absenken der Minijob-Schwelle auf 300 Euro.

 

Präsentation von Dr. Aline Zucco

 

Keynote von Michaela Evans, Institut für Arbeit und Technik, Direktorin des Forschungsschwerpunktes Arbeit & Wandel, Westfälische Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt und Recklinghausen: Auswirkungen der Digitalisierung auf interaktive Dienstleistungen

 

Michaela Evans plädierte zunächst dafür, in der Digitalisierungsdebatte die analogen Anteile der Arbeit nicht zu vergessen und diese besonders wertzuschätzen. Es müsse darum gehen, Arbeit mit Menschen und Arbeit am Menschen in den Fokus zu rücken und darüber eine Aufwertung der Dienstleistungen zu ermöglichen. Zentrales Problem der Digitalisierung im Dienstleistungsbereich sei, so Michaela Evans, dass bestimmte Aufgaben und Tätigkeiten technisch ersetzt würden.

Hiervon seien insbesondere Arbeitsfelder von Frauen betroffen, die sich durch intensiven Kundenkontakt auszeichneten. Zentrale Branchentrends der Digitalisierung seien:
 

  • im Einzelhandel: ein Bedeutungsgewinn des Onlinehandels sowie eine tagesaktuelle Dynamisierung der Sortimentgestaltung, Preisgestaltung und des Personaleinsatzes;
     
  • im Reinigungsgewerbe: Cleaning on Demand, das heißt, bedarfsorientierte Raumreinigungskonzepte nach Nutzungsintensität, auch infolge von Homeoffice; sowie einen Bedeutungsgewinn von Robotik, Apps und Sensortechnik in Arbeitsprozessen, was auch zu neuen Kontrollmöglichkeiten gegenüber den Beschäftigten führen könne;

     
  • im Hotel- und Gaststättengewerbe: Onlinebuchung, Ersatz von Routineprozessen wie Check-in und Check-out sowie Reduzierung von Kundenkontaktpunkten durch digitale Bestellsysteme.

 

Um im Kontext der Digitalisierung im Dienstleistungsbereich Gute Arbeit zu stärken, schlug Michaela Evans vor, den Stellenwert interaktiver Arbeit mit Kund*innen besonders in den Fokus zu rücken. Ausgehend von der These, dass im Zuge der Digitalisierung ein Mehrbedarf an analoger, interaktiver Kundenarbeit entstehen würde, formulierte die Referentin vier Möglichkeiten zur arbeitspolitischen Aufwertung von Dienstleistungen:

 

1) interaktive Aufgaben und Tätigkeiten in den Mittelpunkt rücken und arbeitspolitisch sichtbarer machen, auch um zu verdeutlichen, was nicht standardisierbar und technisch ersetzbar ist;

2) veränderte berufsspezifische Kompetenzen und Qualifikationsprofile analysieren und durch Weiterbildung und Qualifizierung der Abwertung der Arbeit entgegensteuern;

3) neue Beschäftigungs- und Qualifizierungschancen in analogen Arbeitsfeldern wahrnehmen, insbesondere im Bereich der Servicedienstleistungen für Kund*innen;

4) Neuvermessung der Qualität der Arbeit mit Kund*innen als Ausgangspunkt für die Gestaltung Guter Arbeit.

 

Präsentation von Michaela Evans

 

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