Branchenpanel Einzelhandel Digitalisierung im Einzelhandel – wie können Beschäftigte und Betriebsräte mitbestimmen?

 

Julia Bringmann von der ArbeitGestalten GmbH beschrieb bei der Vorstellung des Branchenberichts problematische Kernmerkmale des Berliner Einzelhandels: eine hohe Niedriglohnquote mit und ohne Fachkräfteniveau, Teilzeitbeschäftigung und Arbeitszeitflexibilisierung beispielsweise durch Jahresarbeitszeitmodelle oder Arbeit auf Abruf.

 

Die Arbeitszeitflexibilisierung könne zwar durchaus auch für die Beschäftigten von Vorteil sein, meist diene sie aber den Unternehmen zur Abfederung einer zu geringen Personaldecke und damit der Einsparung von Personalkosten. Für die Beschäftigten steige die Arbeitsbelastung, für die Kund*innen sinke die Qualität der Beratung. Softwareunternehmen versprächen zudem eine zeitlich effizientere Erledigung von Aufgaben, was den Personalabbau weiter verschärfe.

 

Julia Bringmann betonte, dass es eine Frage der Gestaltung und der Mitbestimmung der Beschäftigten sei, ob und wie diese Ersetzbarkeitspotentiale tatsächlich realisiert würden. Zu den Handlungsfeldern für betriebliche Mitbestimmung gehöre daher die Frage, wie der Dequalifizierung und Arbeitszeitverdichtung im Zuge der Digitalisierung entgegengewirkt werden kann und wie Qualifikationspotenziale ausgeschöpft und ein zuverlässiger Schutz vor Arbeitsbelastung implementiert werden kann.

 

In der anschließenden Diskussion nannte Erika Ritter (ver.di) zentrale Herausforderungen: die bereits fortschreitende Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Technik und die dadurch sich verändernde Menge, Art, Organisation und Qualität von Arbeit im Einzelhandel; die Tarifbindung im Einzelhandel sowie die politisch stärker zu forcierende Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen.

 

Daniel Libner (Inhaber von Fräulein Mode und Wohnen) betonte, dass in seinen Filialen die Digitalisierung vor allem eingesetzt werde, um die Kundenfrequenz in den Geschäften zu erhöhen. Dies gelänge durch eine kreative Präsenz in den sozialen Medien, in die die Beschäftigten eingebunden würden. Dequalifizierungsprozesse oder die Abnahme von Kundenkontakt und Beratungen seien in seinen Geschäften daher nicht zu beobachten. Seine Beschäftigten agierten nicht als „Befehlsempfänger“ digitaler Technologien, sondern eher als „Influencer“.

 

Heiner Köhnen (Sachverständiger für (Gesamt-)Betriebsräte und Tarifkommissionen; Bundesprojekt „ver.di verbindet“) stellte demgegenüber heraus, dass die Digitalisierung im Einzelhandel vor allem bei den großen Unternehmen bereits bestehende negative Prozesse und Tendenzen verstärke. Hierzu gehören unter anderem: eine verstärkte Taktung, Beschleunigung und Optimierung einzelner Handlungen, die insgesamt zu Arbeitsverdichtung führen; der Wegfall kreativer und interaktiver Tätigkeiten, der mit Dequalifizierung einhergeht sowie verstärkte Kontrolle und Überwachung der Beschäftigten.

 

Präsentation Julia Bringmann

 

Beschäftigung im Berliner Einzelhandel - Ein Branchenbericht

Branchenpanel Hotel- und Gaststättengewerbe HoGa – quo vadis? Wie lässt sich Gute Arbeit nach der Krise etablieren?

 

Cosima Langer und Ute Kathmann von der ArbeitGestalten GmbH präsentierten Entwicklungstrends im Berliner Hotel- und Gaststättengewerbe vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie und stellten dar, welche Auswirkungen das „Brennglas Krise“ auf die Branche hat. Zita Langenstein vom Schweizer Arbeitgeberverband GastroSuisse gewährte Einblicke in das Gaststättengewerbe in der Schweiz und zeigte dabei, wie wichtig das Zusammenspiel von Kund*innen, Mitarbeiter*innen und Führungskräften für qualitativ hochwertige Dienstleistungen und langfristige Mitarbeiter*innenzufriedenheit ist.

 

Mit der Frage „Quo vadis?“ wurde in der anschließenden Diskussion ein Blick in die Zukunft nach der Covid-19-Pandemie geworfen. Sebastian Riesner (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Berlin-Brandenburg NGG) verdeutlichte, wie gewinnbringend die Stärkung von und Beteiligung an Betriebsräten für die betriebliche Mitbestimmung und Personalbindung von Beschäftigten sowie auch für die Krisenfestigkeit ganzer Unternehmen ist. In der Debatte um die pandemiebedingt stark eingebrochenen Ausbildungszahlen stellten Sebastian Riesner (NGG) und Gerrit Buchhorn (DEHOGA Berlin) das Berliner Sofortprogramm „Ausbildungshotel“ vor, das die Sozialpartner im Hotel- und Gaststättengewerbe gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und der IHK Berlin initiiert haben, um die Folgen der Pandemie für die betriebliche Ausbildung abzumildern.

 

Auch Mauro Moretto (Unia Gewerkschaft) betonte, dass der Ausbildung gerade hinsichtlich des Fachkräftemangels in der Branche langfristig ein höherer Stellenwert beigemessen werden müsse als es derzeit der Fall sei. Da die betriebliche Mitbestimmung in der Schweiz erst ab 50 Beschäftigten vorgesehen ist, wiesen die Schweizer Gäste darauf hin, dass die Umsetzung Guter Arbeit in der Branche nicht auf den Druck der Beschäftigten warten muss, sondern eine Führungsaufgabe sein sollte. Das ist ein fruchtbarer Hinweis für die Berliner Branche, in der betriebliche Mitbestimmung zwar schon ab fünf Beschäftigten möglich ist, aber weitgehend ungenutzt bleibt. In dieser Hinsicht gibt es auf Arbeitgeberseite einen großen Schulungsbedarf. Unternehmer*innen müssen zudem verstehen, so Zita Langenstein, dass gutes Personal nicht vorausgesetzt werden kann, sondern betriebliche Aus- und Weiterbildungsangebote geschaffen werden müssen. 

 

Im Anschluss an die lebhaften Diskussionen zwischen den Podiumsgästen aus Deutschland und der Schweiz stellte Cosima Langer im Projekt entwickelte GIFs für die sozialen Medien vor, die niedrigschwellig auf die rechtliche Grundlage der Dienstplanung im Hotel- und Gaststättengewerbe aufmerksam machen. Die zugehörige Website, auf der die GIFs sowie zusätzliche Informationen für Interessierte und Checklisten für eigene Teambesprechungen bereitgestellt werden, finden Sie unter www.hoga-nogo.de.

 

Präsentation Ute Kathmann und Cosima Langer

 

Präsentation von Zita Langenstein

 

Das Berliner Gastgewerbe 2010 bis 2020 – ein Vergleich

 

Branchenpanel Gebäudereinigung Tagesreinigung – was kann die Umsetzung fördern?

 

Viveka Ansorge (ArbeitGestalten GmbH) stellte den aktuellen Bericht Gute Arbeit durch Tagesreinigung des Projektes Joboption Berlin vor. Sie referierte über die Erfahrungen und Erkenntnisse, die in verschiedenen Modellprojekten mit der Einführung der Tagesreinigung gewonnen werden konnten.

 

Die zentralen Erkenntnisse drehten sich um drei Aspekte: 1. Tagesreinigung lässt sich im Schulbetrieb störungsfrei organisieren, wenn die Kommunikation mit allen Beteiligten gelingt. 2. Aus Alleinarbeit wird für die Reinigungskräfte Interaktionsarbeit mit entsprechenden Anforderungen und Vorteilen für die Beschäftigten. 3. Vergabestellen können auf verschiedenen Wegen Gute Arbeit über die Vergabe stärken. Wichtig sei hierbei, die Qualität der Angebote in die Zuschlagskriterien aufzunehmen, so Viveka Ansorge.

 

Sowohl die beiden Vertreter des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf (Patrick Walther vom Immobilienmanagement und Peter Köslin vom Schulamt) als auch Manuel Hoffmann von der Firma Gleichfeld Gebäudereinigung Service GmbH hoben hervor, wie wichtig eine funktionierende Kommunikation zwischen den Nutzer*innen der Gebäude, den Reinigungskräften und auch den Hausmeister*innen ist, damit Tagesreinigung gelingen kann.

 

Die neuen Anforderungen, die die Tagesreinigung dann an die Reinigungskräfte stellt, müssten in Arbeitsprofilen konkretisiert werden, so Jens Korsten von der IG BAU, und Unternehmen müssten dahingehend qualifizieren. Letztlich, so betonte Jens Korsten, müsste dies in Tarifverträgen fixiert werden und sich auch auf dem Gehaltszettel bemerkbar machen.

 

Präsentation von Viveka Ansorge

 

Gute Arbeit durch Tagesreinigung. Erkenntnisse aus einem Berliner Modellprojekt

Druckversion Druckversion | Sitemap
© ArbeitGestalten Beratungsgesellschaft mbH, Ahlhoff